Kritik der politischen Ökonomie


Die Einordnung der Marxschen Kritik in das Raster der akademischen Disziplinen stellt sich schnell als recht vertrackte Angelegenheit heraus: In die Soziologie will sie nicht passen, zu viel spricht sie vom gesellschaftlichen Wesen statt vom Milieu, von Weltgeschichte statt vom Paradigmenwechsel. Diskurs und Kultur interessierten Marx vor allem in Rahmen der allgemeinen Analyse, zu einem Kulturtheoretiker avant la lettre lässt er sich wohl kaum machen. Auch die historische Untersuchung rechtfertigt sich erst durch ihren Beitrag zur Erkenntnis der gegenwärtigen Gesellschaft. Und um Ökonomie handelt es sich bei der prononciertesten Schmähung der Ökonomie schon gar nicht.

So bleibt die Philosophie als letzte Möglichkeit. Doch auch hier fühlt sich jener Materialismus, der die Kritik der politischen Ökonomie ist, nicht wirklich heimisch. Er hat den Zug in die akademische Zukunft verpasst, ist irgendwo im vergangenen Jahrhundert auf der Strecke geblieben, kann sich nur schwer integrieren. Über Denken und Sprache zu reden und von den kapitalistischen Verhältnissen zu schweigen, käme der Selbstaufgabe der materialistischen Kritik gleich.

Dennoch ist die Philosophie kein billiges Asyl für die Kritik der politischen Ökonomie. Gerade die Einsicht in die historische Vermitteltheit des Denkens beschreibt ihren philosophischen Kern. Wenn die Philosophie selbst aber aus dem Stoff ist, den ihr die Gesellschaft an die Hand gibt, wird die Untersuchung ebenjener Gesellschaft zu einem Unterfangen von eminent philosophischer Bedeutung. Der einzelne Gedanke, und mag er für noch so abstrakt gehalten werden, lässt sich nicht ablösen von den ökonomischen Grundstrukturen der Gesellschaft, in der er hervorgebracht wird. So verstanden, kann Marx’ Kritik sich auch in der Fremde treu bleiben.

Nach einer allgemeinen Einführung in die Kategorien, die Marx vor allem im Kapital entfaltet, soll sich die Ringvorlesung verschiedenen Aspekten der Gesellschaftskritik zuwenden, die erst im 20. Jahrhundert ausführlicher entwickelt und diskutiert wurden. Statt die Kritik der politischen Ökonomie als eine exklusive Erscheinung des 19. Jahrhunderts abzuhandeln, die in der Gegenwart von lediglich historischem Interesse ist, liegt das Augenmerk der Ringvorlesung auf ihrer ungebrochenen Relevanz für Philosophie, Erkenntnis und Kritik.